Marskanäle, eine optische Täuschung
Der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli zeichnete zur Zeit der Marsopposition des Jahres 1877 eine Marskarte, welche die Marsoberfläche mit damals beeindruckendem Detailreichtum abbildete. Dabei beschrieb er auch erstmalig jene geradlinigen Strukturen, welche er (auf Italienisch) ganz allgemein als „canali“ bezeichnete und die er für natürlich entstandene, lang gestreckte Senken hielt, entlang welcher vielleicht Wasser durch ausgedehnte trockene Ebenen fließen könnte.
Der aus Boston stammende amerikanische Astronom Percival Lowell (1855 - 1916) beschäftigte sich in jener Zeit ebenfalls mit der Erforschung des Mars. Er baute in Arizona sogar ein privates Observatorium (das Flagstaff-Observatorium) und verbrachte 15 Jahre damit, überwiegend diesen Planeten zu beobachten. Im Ergebnis legte auch er genaue Marskarten an, die noch mehr Kanäle zeigten als die Karten Schiaparellis.
Die Marskarten von Percival Lowell
Lowell berief sich bei seinen Beobachtungen auf die Canali Schiaparellis. Schiaparelli war Ingenieur und so lag es nahe, die Canali als ingenieurstechnische Großtat einer hoch entwickelten aber sterbenden Mars-Zivilisation zu interpretieren. Offenbar versuchten die Marsbewohner mit einem gewaltigen, den gesamten Planeten umfassenden Bewässerungssystem, ihren Wüstenplaneten am Leben zu erhalten. Doch Lowell erlag offenbar einer Fehlübersetzung. Er hatte das italienische Wort canali mit dem englischen canal übersetzt. Bei Canal handelt es sich um einen von Menschenhand geschaffenen Kanal. Beispiel: The Panama Canal. Das italienische Wort lässt sich aber auch mit englisch channel übersetzen, also einem natürlichen Wasserweg wie dem Ärmelkanal. Nicht ganz zufällig war es die Zeit der großen Ingenieurleistungen. Der Bau des Suezkanals wurde im Jahr 1869 vollendet. Der Panamakanal befand sich gerade im Bau. In Deutschland wurde der Nord-Ostseekanal für die kaiserliche Kriegsmarine gebaut. Gleichzeitig wurden in Europa und und den USA Brücken von bis dahin ungeahnter Größe geschaffen, das neue Verkehrsmittel Eisenbahn erschloss ganze Kontinente. Da selbst die größten Teleskope, wie Lowells Flagstaff Observatory, das bis heute größte Linsenteleskop der Welt, nicht die Auflösung hatten, um die Kanaltheorie entweder zu belegen oder ein für alle mal zu widerlegen, hatte Lowells These aus damaliger Sicht durchaus Charme.
Obwohl die ersten Anfänge der Astrofotographie schon in das Jahr 1840 datieren, erreichte diese Beobachtungstechnik erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Entwicklungsstand, der es erlauben sollte, auch Details auf den Oberflächen der nahen äußeren Planeten abzubilden. Von der Erde aus aufgenommene Marsfotos zeigten jedoch niemals Kanäle. Die visuellen Beobachter von damals waren offensichtlich einer optischen Täuschung erlegen. Diese Täuschung entsteht durch die optischen Eigenschaften des Auges: Unterhalb eines bestimmten Winkelabstandes zweier Punkte ist das Auge nicht mehr in der Lage, diese einzelnen Punkte zu unterscheiden. Das Gehirn fügt sie stattdessen zu einer durchgehenden Linie zusammen, welche in Wirklichkeit gar nicht existiert. Dieses Verhalten haben wir uns durch frühere Erfahrung antrainiert. Modernere optische Instrumente mit stärkrer Vergrößerung oder höher auflösende photographische Platten hätten diesen Irrtum aufklären können. Beides war aber erst im 20.Jahrhundert verfügbar.
Dass die zahlreichen Astronomen, die solche Kanäle gesehen haben wollten, nur einer optischen Täuschung erlegen waren, konnten und wollten sie sich aber damals nicht vorstellen. Lowell dokumentierte nicht nur eine große Zahl solcher Marskanäle, er fand auch Zonen auf der Marsoberfläche, die zu den Marsjahreszeiten an Helligkeit zu-, bzw. abnahmen. Diese zwischen den Kanälen liegenden Zonen deutete er als landwirtschaftlich genutzte Gebiete. Damit entstand die Vorstellung, der Mars besäße künstliche Kanäle. Da man für die Erbauung von künstlichen Bauwerken logischerweise denkende Wesen benötigt, formte sich die Vorstellung von einer entwickelten Zivilisation auf dem Mars. Obwohl die Existenz der Kanäle immer wieder bezweifelt wurde, hielt Lowell bis zu seinem Tod im Jahr 1916 an der Vorstellung von einer hoch technisierten Lebensform auf dem Mars fest.
Mitte der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts verschwanden die Marsbewohner jedoch aus der ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Debatte – nicht jedoch aus der Literatur. Schon im Jahre 1897 beschrieb der Gothaer Mathematiklehrer und Philosoph Kurd Lasswitz in seinem Roman „Auf zwei Planeten“ eine friedliche Begegnung zwischen Bewohnern des Mars und der Erde. Ein Jahr später schrieb Herbert George Wells den Roman „Krieg der Welten“. Darin wurde die Erde von aggressiven Marsbewohnern beinahe vernichtet. Von Orson Wells war der Roman in ein Hörspiel umgearbeitet worden und wurde am 30. Oktober 1938 im amerikanischen Rundfunk gesendet. Dieses Hörspiel löste damals in den USA eine Massenpanik aus, weil viele Zuhörer es für eine echte Reportage hielten.
Durch Wasser geformte geologische Strukturen
Heute wird jedoch nicht mehr ausgeschlossen, dass es in vergangenen entwicklungsgeschichtlichen Epochen auch auf dem Mars flüssiges Wasser gab und die Struktur gewaltiger geologischer Formationen auf der Oberfläche des Roten Planeten lässt vermuten, dass sie durch fließendes Wasser geformt wurden. Alle diese neuen Erkenntnisse verdanken wir jedoch ausschließlich der direkten photographischen und geologischen Erkundung der Marsoberfläche durch ferngesteuerte Missionen vor Ort. Doch das ist eine andere Geschichte.


