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Phobos-Grunt – Russische Wissenschaftler bitten um Hilfe

Bild RIA Novosti
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Gerald Zehl
10.11.2011

Der Start der Russischen Mars-Mission Phobos-Grunt fand zunächst planmäßig am 8.November um 21.16 MEZ vom Kosmodrom im kasachischen Baikonur statt. Die ukrainische Trägerrakete vom Typ Zenit-2SB brachte die Raumsonde zunächst in eine Höhe zwischen 208 und 356 km auf eine Parkbahn um die Erde (ISS zum Vergleich: Höhe ca. 380km). Der hiernach geplante automatische Start der beiden Marschtriebwerke zum Übergang der Sonde auf eine hyperbolische interplanetare Bahn erfolgte jedoch nicht. Über die genauen Gründe gibt es noch keine belastbaren Informationen.

Der niedrige Orbit und die begrenzte Kapazität der Batterien der Bordstromversorgung begrenzen die zur Rettung der Mission verfügbare Zeit auf maximal zwei Wochen. Im Wettlauf mit der Uhr bitten die Russischen Wissenschaftler daher um internationale Hilfe, siehe z.B. die Phobos-Grunt Missionsseite des Russischen Weltraumforschungsinstituts (IKI) in Moskau.
Wiedas IKI berichtet, zündete zum erforderlichen Zeitpunkt keines der beiden Marschtriebwerke zur Beschleunigung der Sonde auf hyperbolische Geschwindigkeit. Aufgrund der geringen Höhe des Park-Orbits und des erforderlichen Timings (zum Brennstart muss der Mars auch wirklich im Fadenkreuz stehen) ist zu den geeigneten Zündzeitpunkten die Sonde stets außerhalb der Reichweite der russischen Bodenstationen. Daher bekommen die Wissenschaftler kein unmittelbares Feed-back über den Erfolg eines Zündversuches. Die Idee ist es, die Triebwerksfunktion (bzw. Nichtfunktion) durch direkte Beobachtungen mit optischen Instrumenten (z.B. Teleskopen) zu überprüfen, um einerseits eine gegebenenfalls erfolgte Zündung schnell zu bestätigen und andererseits durch die Messung der Helligkeit der Triebwerksflamme zum Zündzeitpunkt eine zuverlässigere Positionsbestimmung derSonde zu ermöglichen. Die Triebwerke verbrennen Hydrazin mit Stickstofftetroxidmit einem Treibstoffverbrauch von ca. 6kg/sek. Optische Beobachtungen über Südamerika sind hierbei besonders willkommen.

Ted Molczan (Toronto) berichtet, dass über Radarbeobachtungen gegenwärtig zwei Objekte im aktuellen Park-Orbit detektiert wurden. Es sollte sich dabei um die Sonde und die letzte Boosterstufe handeln.

NachAngaben von Roskosmos könnte die Nichtzündung der Triebwerke auf eine Fehlfunktion des Orientierungssystems der Sonde zurückzuführen sein, welches zur Bestimmung der Zündzeitpunkte die Sondenpositionen relativ zu ausgewählten Hauptsternen auswertet. Für die Behebung dieses Fehlers haben die Ingenieure nur ca. 3 Tage Zeit, für ein Reset des Bordcomputers und ggf. zum Einspielen neuer Software. Danach würde die Batteriekapazität für diese Operationen wohl nicht mehr ausreichen, mutmaßt der Chef von Roskosmos Vladimir Popovkin. NASA-Veteran und heutiger Space-Consultant James Oberg hat die Hoffnung, dass die Sonde auch innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen noch unter Kontrolle zu bringen ist, beispielsweise auch durch Notfallkommandos für die Triebwerkssteuerung. Ob dann jedoch noch ein Missionserfolg gewährleistet werden kann, ist unklar, da die Bahnebene der Sonde um die Erde langsam aus der optimalen Ausrichtung zum Mars herausdriftet, bedingt durch die Relativbewegung der Planeten zueinander.Die aktuellen Bemühungen werden durch die Begrenztheit des den Russen zur Verfügung stehenden Earth-to-Space Kommunikationsnetzwerks jedoch zweifellos erschwert.

Wenn es nicht gelingt, die Sonde unter Kontrolle zu bringen, wäre ein dann möglicherweise unkontrollierter Rücksturz zur Erde unausweichlich.

Mit 13t zählt Phobos-Grunt zu den größten jemals gebauten interplanetaren Sonden (Cassini-Huygens: 6t) Eine entsprechende Menge an Treibstoff ist also erforderlich. Diese relativ zu früheren Abstürzen dann größere Menge an giftigem Treibstoff wird vielfach als problematisch beschrieben. Die vor dem finalen Eintritt wahrscheinlich inzwischen gefrorenen Treibstoffe würden dann aber schon in der oberen Atmosphäre freigesetzt und entsprechend stark verdünnt sein.

Wie Roskosmos mitteilt, befinden sich an Bord der Sonde auch einige Gramm radioaktives Kobalt 57.  Dieses Isotop hat jedoch nur eine Halbwertszeit von etwa 270 Tagen. Es zerfällt damit relativschnell in das ungefährliche Isotop Eisen 57 und stellt damit keine Gefahr dar.  Das Kobalt 57 ist Bestandteil eines so genannten Mößbauer-Spektrometers zur Untersuchung der chemischen Zusammensetzung von Bodenproben vor Ort. Kobalt 57 ist die Strahlungsquelle dieses Spektrometers. Der radioaktive Zerfall erzeugt hochenergetische Strahlung, welche die Kerne von Eisenatomen in einer Bodenprobe anregen kann. Aus der Anregungsenergie (Lage der Energieniveaus im Eisenkern) kann dann auf die Stöchiometrie der bestrahlten Eisenverbindung geschlossen werden.  Diese spektroskopische Methode ist natürlich auf der Oberfläche eines eisenreichen Himmelskörper besonders informativ. Entsprechende Spektrometer deutscher Bauart waren daher auch auf den beiden Mars-Rovern installiert. Aufgrund der kurzen Halbwertszeit der Co-Strahlenquelle nahm mit zunehmender Missionsdauer die Spektrometer-Leistungaber stark ab, was den späten Einsatz durch dann längere Akkumulationszeiten erschwerte. Auch auf Phobos wären mit dieser Vor-Ort-Analysetechnik zweifellos interessante Daten zu erwarten.

Wie die ESA inzwischen berichtet, sei ihr erster Versuch, Funkkontakt zu Phobos-Grunt aufzunehmen, gescheitert. In der Nacht zum Freitag wolle die ESA unter Einsatz ihrer Bodenstationen in Australien, in Kourou auf Französisch-Guayana und auf den Kanaren noch drei weitere Versuche unternehmen.

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Kommentare
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Jürgen Herholz schreibt (12.1.2012):

nun ist es amtlich: Phobos-Grunt ist nur "Schrott" und ESA hilft bei der Besitigung.

ESA schreibt (http://www.esa.int/esaCP/SEM4X2KX3XG_Germany_0.html)

12-01-2012 08:57 AM CET
Experten des ESA-Büros für Weltraumschrott koordinieren eine internationale Kampagne zur Beurteilung des erwarteten Wiedereintritts der russischen Marssonde Phobos-Grunt in die Erdatmosphäre. An dem 12 Mitglieder starken, agenturübergreifenden Weltraumschrott-Komitee IADC sind auch die NASA und Roskosmos beteiligt.
 
 

hesaenger schreibt (4.12.2011):

"und von thermonuklearen Antrieben für interplanetare Reisen hat jedenfalls nichts mit realistischen Zielen zu tun"

Über was in der RF nachgedacht wird hat nichts mit den thermonuklearen Antrieben wie NERVA aus den 1960er zu tun. Da geht es jetzt um eine nukleareelektrische Speisung von Plasma- oder Ionenantrieben. Dies wird vermutlich sogar von der Europäischen Kommission in ihrem nächsten Raumfahrtprogramm unterstützt. HE3 ist allerdings eine andere Geschichte.

 
 

hesaenger schreibt (3.12.2011):

Die Überlegenheit der US Technologie in vielen Bereichen hat nichts mit der mangelnden Kompetenz russischer Ingenieure und Wissenschaftler zu tun, sondern ist alleine der US Amerikanischen Wirtschaftskraft zu verdanken. Zu lange hat man in der Russischen Föderation die Infrastrukturen vernachlässigt. Das rächt sich jetzt doppelt. Zum einen fehlen wettbewerbsfähige Forschungs- und Fertigungseinrichtungen, zum anderen ist das Thema für die besten Nachwuchskräfte uninteressant geworden. Das alles lässt sich nicht in einem halben Jahr korrigieren. Wenn wir uns in Westeuropa doppelt und dreifach erstklassige Infrastrukturen leisten und dann kein Geld mehr für Programme haben, ist das aber auch nicht wirklich Zielführend!

 
 

Peter Jansen schreibt (2.12.2011):

Hähme ist hier in der Tat unangebracht. Ich finde es schade, dass Russland in dem Augenblick, wo das Land endlich mehr Geld für Raumfahrt ausgibt und sich ehrgeizige Ziele gesetzt hat, alles schief geht. Es ist ja schier unglaublich, was in den letzten 12 Monaten alles schief gelaufen ist. Vielleicht wollten sie einfach auch zuviel aus den vorhandenen Ressourcen rausholen, aber ich spekuliere ohne es wirklich zu wissen. Tatsache ist, dass der Mars auch schon zu Zeiten der UdSSR eine schwieriges Terrain für die damals sowjetische Raumfahrt war. Tatsache ist aber auch, dass die Finanzausstattung von Fobos lächerlich gering war. Die Russen wollten mit ca. 150 Mio Euro einen absoluten Coup landen. Ob das realistisch war?

Die Malaise zeigt sich ja auch in der Rüstung. Die Bulawa-Rakete hatte mehr Fehlstarts als Erfolge, Suchoi wurde in Indien vorzeitig aus dem Bietverfahren ausgeschlossen, ebenso wie die Amerikaner, die aber nicht mit ihrer neuesten Technik dabei waren.Der neue in Russland gebaute Regionaljet ist auch nicht gerade ein Kassenschlager, selbst bei russischen Fluggesellschaften. Chinesen, Kanadier und Brasilianer laufen ihnen in dieser Kategorie den Rang ab. Ich hoffe, dass die Russen sich künftig realistische Ziele setzen, und diese dann erfolgreich umsetzen. Das Gerede von Helium 3 Abbau auf dem Mond und von thermonuklearen Antrieben für interplanetare Reisen hat jedenfalls nichts mit realistischen Zielen zu tun.

 

 
 

hesaenger schreibt (30.11.2011):

Nachdem der NASA ein erfolgreicher Start des Mars Science Laboratory gelang, lastet Phobos-Grunt im Low Earth Orbit schwer auf der russischen Raumfahrtbilanz und Präsident Medwedew fordert inzwischen Sanktionen. Tatsächlich war auch in der US Presse eine leichte Häme zu bemerken, nachdem man sich bei ROSCOSMOS nach Ende des Shuttle-Programms verbal weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Vielleicht brauchen wir aber auch wieder eine Konkurrenzsituation um überhaupt etwas erreichen zu können? Eine bemannte Marsmission scheint derzeit in weiter Ferne. Unter welchen Randbedingungen aber könnte es weiter gehen?

 
 

hesaenger schreibt (23.11.2011):

Anscheinend hat gestern, den 22., die ESA Station in Perth erstmals Kontakt mit Phobos-Grund gehabt. Also Daumen drücken!  


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