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US-Regierung stoppt Mond- und Mars-Pläne - und beginnt neue Strategie

Erfolgreicher Teststart der Aris I-X am 28. Oktober 2009<br/>Bild: NASA/Sandra Joseph and Kevin O
Erfolgreicher Teststart der Aris I-X am 28. Oktober 2009
Bild: NASA/Sandra Joseph and Kevin O'Connell
Bernd Brincken
15.2.2010

Das am 1. Februar von der US-Regierung verkündete neue NASA Programm begräbt den Plan für bemannte Mond- und Marsmissionen. Es stellt damit einerseits einen Rückschlag für die bemannte Raumfahrt dar. Andererseits zeigt sich eine neue Perspektive für die Kooperation mit anderen Nationen und mit nicht-staatlichen Strukturen.

Die im Januar 2004 vom damaligen US-Präsidenten George Bush jun. vorgestellte "Vision for Space Exploration" wurde seinerzeit von Weltraum-Freunden weithin begrüßt. Diese Ankündigung stellte auch einen Erfolg für die Mars Society dar, deren Gründer Bob Zubrin u.a. vor dem US-Senat und Kongressmitgliedern sehr hartnäckig gegen das Space Shuttle und für ein neues Raumfahrtprogramm argumentiert hatte. 2005 wurde dann das "Constellation" Programm ausgerufen, wonach um 2019 wieder Amerikaner auf dem Mond und 2037 auf dem Mars landen sollten. Der Test einer neuen Ares I Trägerrakete am 28. Oktober letzten Jahres war ein erstes Ergebnis dieses Programms.

Bei mindestens einem Teil der, insbesondere europäischen, Beobachter wurde die Freude aber gedämpft durch die Person, die sie überbrachte. Die hier kritisch, teils katastrophal wahrgenommene Ausrichtung der US-Politik unter Bush ließ befürchten, dass mit dem erhofften Politikwechsel in den USA auch die Space-Exploration-Entscheidung hinweggespült würde. So geschah es nun - Obama bietet für Europa und den Rest der Welt eine sehr viel nachvollziehbarere Politik, hat aber nun auch das "Constellation" Programm und damit die Aussicht auf eine bemannte Mars-Mission gekippt.

Die Gründe sind ebenfalls nachvollziehbar, mit den enormen Kosten des Irakkriegs, der lange überfälligen Gesundheitsreform und einer anstehenden Haushaltskonsolidierung hat die amtierende US-Regierung naheliegendere Probleme zu lösen als die Erkundung anderer Planeten.

Für die US-Raumfahrt bedeutet der Stop des Constellation-Programms zusammen mit dem Ende des Shuttle-Programms mehr als eine vorübergehende Lücke - es gibt nun überhaupt keine offizielle Planung für bemannte Träger mehr. Die NASA als über Jahrzehnte engagierteste Raumfahrt-Organisation zieht sich aus der Raketenentwicklung zurück. Die Beendigung des Shuttle-Programms ist dabei für sich genommen durchaus klug - dieses war ja ursprünglich als ökonomischere Technik im Vergleich zu Wegwerf-Raketen gedacht - hat sich aber später als sehr viel teurer erwiesen.

Diesen Schritt kann man nun als Signal in zwei Richtungen lesen: Einerseits könnten andere (Europa, China, Japan?, Indien?) sich nun motiviert fühlen, die Lücke zu füllen oder gar das Feld neu zu besetzen, das ansonsten nur von Russland besetzt ist. Man kann es aber auch als Signal eines allgemeinen Rückzugs lesen: Wenn die Amerikaner nicht einmal mehr an die bemannte Raumfahrt glauben, wäre diese auch als Imageträger für andere "Space faring nations" weniger interessant. Es kommt hinzu, dass das Angebot auf dem Markt der Trägerkapazität sinkt, somit die Preise steigen, was die Kosten für jegliche Weltraum-Projekte, auch unbemannte, weiter erhöht.

Positiv kommen aber auch neue Entwicklungspfade hinzu - vor allem Stärkungen der internationalen Kooperation, der Bildung und der privaten Raumfahrt.

An dieser Stelle ein Blick auf die Zahlen. Auffällig ist, dass insgesamt das NASA-Budget sogar gewachsen ist, für das Haushaltsjahr 2011 von 18,3 auf 19 Milliarden Dollar.

Nachdem für das Constellation Programm schon 17 Mrd.$ ausgegeben worden waren, kostet sein Herunterfahren weitere 2,5 Mrd. In den nächsten 5 Jahren sind weiterhin 7,8 Mrd.$ für ein "new technology demonstration program" budgetiert, dessen Details noch nicht bekannt sind, sowie 3,1 Mrd. für Forschung an neuen Antrieben und weitere 3 Mrd. für Robotik. Das Budget der ISS wird nun, der Obama-Agenda einer besseren internationalen Kooperation folgend, um 42% oder 2 Mrd.$ über 5 Jahre aufgestockt, ihre Laufzeit von 2016 bis 2020 verlängert. Weiterhin wird "flagship demonstration" Technik mit 7,8 Mrd. gefördert, dazu gehören Techniken wie Treibstoff-Transfer im Orbit, aufblasbare Module, automatische Kopplung oder Versorgungssysteme.

Dies lässt vermuten, dass man durchaus größeres im Auge hat - die genannten Techniken wären für eine Marsmission sehr interessant. Aber wozu hier investieren, wenn man nicht einmal die Raketen bauen will?

Die Antwort zeigt eine Strategieänderung, die teils sogar als Paradigmenwechsel gesehen wird: Transportkapazität soll auf dem Markt gekauft werden, und hier denkt man wohl mehr an US-Anbieter und neue Modelle als die aktuell für ISS-Transporte genutzten russischen Sojus- und Proton-Raketen. Für diese Aufkäufe stehen bis 2015 5,8 Mrd.$ für bemannte Transporte im Plan, weitere 312 Mio.$ allein 2011 für Fracht. Dabei setzt man explizit auch bei Schwerlastraketen auf den kommerziellen Sektor - jetzt müssen diese "nur" noch entwickelt werden.

Deutliche Aufstockungen gibt es bei Earth Science, also auch etwa Umweltforschung, die bisher eher zurückgefahren worden war, mit 1,8 Mrd.$ bis 2014, während Planetary Science - das betrifft auch den Mars - und Astrophysik nur geringe Steigerungen sehen. Mit zusätzlichen Mitteln und einem möglichen Start in 2014 wird auch das James Webb Teleskop, Nachfolger des überaus erfolgreichen Hubble, gefördert. Fortbildung ist ein wichtiges Thema für die Obama-Regierung, das zeigt sich durch eine Budgeterweiterung um 16%, von 126 Mio.$ pro Jahr auf 146$ Mio.

Zusammenfassend wird deutlich, dass die NASA weiter als großes nationales Forschungsinstitut gesehen wird, die Staatsquote also keinesfalls heruntergefahren wird. Und während der Stop von Constellation erst einmal ein Rückschlag für die bemannte Raumfahrt bedeutet, kann der Schwenk zu mehr Kooperation mit dem kommerziellen Sektor und anderen Nationen gerade für nicht-Regierungsorganisationen wie die Mars Society neue Türen aufstossen.

Schön formuliert es John Strickland in MarsToday.com: "While the cancellation of the lunar program has made many of us depressed at the prospect of returning to the treadmill of going in circles in LEO for another decade or two, the actual choice is one of going in bureaucratic circles forever or not."

Eine positive Wirkung der neuen Strategie könnte tatsächlich sein, durch die Entwicklung des Marktes die Kosten für den Transport - für jegliche Marsprojekte ein wesentlicher Faktor - deutlich zu senken. Die bisherigen Spieler hatten an dieser Kostensenkung kein Interesse. Mit Stricklands Worten:

"Government agencies by their very nature cannot and will not reduce operating costs. Private companies have to do that to compete. Without reducing operating costs dramatically, our space future will be left on the ground."

Voraussetzung dafür ist aber eine - vor allem unternehmerische - Initiative, die von der US-Regierung und der NASA naturgemäß nicht kommen kann.

Keith Cowing: The Obama Space Vision for NASA: Massive Paradigm Shifts Ahead

John K. Strickland: NASA and Space - The Future vs. the Past

Kommentare
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hesaenger schreibt (13.3.2010):

http://www.airforcetimes.com/news/2010/03/airforce_launch_costs_031210w/

ein interessanter Artikel zum Thema Feststoffbooster und warum man diese in der Raumfahrt "braucht". 
 

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