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Überlegungen zu Entwicklung und Kosten neuer bemannter Raumtransportsysteme

Jürgen Herholz
22.2.2010
Bei den Überlegungen der USA zur „Privatisierung“ auch des bemannten Raumtransports werden die technischen Herausforderungen offenbar weit unterschätzt. Es steht außer Frage, dass Newcomer sehr viel Lehrgeld zahlen müssen, bevor sie z.B. die ISS bedienen können bzw. dürfen.

Europa verfügt über eine fundierte Basis für die Entwickling unbemannter und bemannter Raumfahrtsysteme.

Wer wie der Autor in die Programme Spacelab, HERMES, COLUMBUS und ATV involviert war, wird das ohne Wenn und Aber bestätigen.

Eine erster Schritt hin zu einer Verbilligung der Entwicklung eines bemannten Raumtransportsystems wäre es, wenn die Anforderungen von ESA und NASA dramatisch überarbeitet und vereinfacht würden unter Berücksichtigung der in den letzten 30 Jahren bereits gewonnenen Erfahrungen und Routinen bei einer konsequenten Abstützung auf bereits existierende und erprobte Techniken und Technologien, bei gleichzeitiger Vereinfachung der internationalen Managementstrukturen. Das wäre einmal eine echte Herausforderung für die Teilnehmerstaaten der ESA, die Raumfahrtindustrie und ESA selbst. Mit den ECSS Standards gab es dafür zwar einen Ansatz, der aber auch wieder weitgehend in dem Wust der ESA Einzelvorschriften bei Beibehaltung der kostenintensiven Managementstrukturen untergegangen ist.

Trotz alledem sollte man sich nicht der Illusion hingeben, das ein bemanntes Raumfahrtsystem zu substantiell niedrigeren Kosten herzustellen und zu betreiben ist als die bereits existierenden. Es sei denn, man könnte mehr als 25 bemannte Missionen pro Jahr bedienen. Woher sollen die aber kommen? Das ist alles schon herausgearbeitet worden anhand sehr seriöser Untersuchungen, u.a. von Dr. Dietrich Koelle (vormals MBB).

Wie man einen Träger sowohl für kommerzielle wie auch für bemannte Systeme auslegt, haben die Russen, aber auch die Europäer mit ARIANE 5 gezeigt mit dem fast vollendeten "manrating" der AR5 für HERMES. Darüber wurde ja bereits hier und auch in einem zweiteiligen Artikel in der Raumfahrt Concret berichtet.

Ariane 5 stellt eine sehr gute Ausgangsbasis für ein europäisches bemanntes Transport- und Rückkehrsystem dar, um die zahlreichen umfangreichen Erfahrungen und Entwicklungen nicht wiederholt werden müssen, die zur Qualifizierung von HERMES bereits gewonnen wurden.

Das gilt auch für das ATV. Das sollte als Ausgangspunkt zukünftiger Überlegungen zu europäischen unbemannten und bemannten Transportmöglichkeiten zur ISS und zurück zur Erde dienen. Das ATV muss nämlich alle Anforderungen erfüllen, die an ein bemanntes System gestellt werden wegen seines großen Gefährdungspotentials für die ISS beim vollautomatischen Andocken.

Zu der Einbeziehung mittelständischer Unternehmen ist zu sagen: die können evtl. durchaus kosteneffektiver arbeiten als die etablierte Raumfahrtindustrie. Die Firma OHB, die 1985 von dem ehemals bei ERNO (heute: Astrium) in führender Position tätigen Manfred Fuchs als Raumfahrtkonkurrenz zu ERNO ins Leben gerufen wurde, ist hierfür eine exemplarisches Beispiel! OHB kann als Messlatte dienen, wie weit man bei kosteneffektiver Arbeitsweise mit den Kosten herunterkommen kann. Das ist bemerkenswert, aber nicht weltbewegend in den erreichbaren Kostensenkungen, wie es sich wohl Obama vorstellt. OHB musste auch nicht die „Raumfahrt neu erfinden“, da OHB von Anfang an hoch qualifizierte Entwickler aus der Raumfahrt zur Verfügung standen und Manfred Fuchs selbst ein sehr erfahrener Raumfahrtexperte ist.

Was die Bereitschaft Europas für ein bemanntes Vehikel betrifft, muss man vielleicht nicht ganz so pessimistisch sein, falls ein europäisches bemanntes Transport- und Rückkehrsystem diesmal, im Gegensatz zum HERMES Programm, von den Amerikanern und Russen unterstützt würde. HERMES wurde damals nämlich von beiden abgelehnt aus Prestigegründen, wie auch der von ESA fast fertig entwickelte und damals mit Abstand fortschrittlichste Raumanzug, den Europa als Beitrag zur ISS vorschlug. Das wissen offenbar wenige. Ich war aber dabei.

Eine Kapsel nach Apollo Art ist nicht so preiswert, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, da sie einen hohen Logistikaufwand für die Bergung erfordert, den man auf Dauer nicht einfach vom Militär kostenlos bekommt. Das darf man nicht vergessen.

Zusammenfassend sollte man aus allen diesen Erfahrungen heraus eigentlich zu dem Schluss kommen, dass ein neues bemanntes System auf den vorhandenen und erprobten Techniken und Technologien aufbauen sollte, um das bei Neuentwicklungen unvermeidliche sehr hohe Lehrgeld zu minimieren.

Das gilt auch für die USA, die gut beraten wären, sich das Shuttle noch einmal genau anzusehen auf mögliche Erweiterungen / Verbesserungen hin, die die Betriebskosten substantiell verringern könnten. Die zu beseitigenden wesentlichen Mängel sind bekannt: der Hitzeschutz, die Zuverlässigkeit der Triebwerke, das unsägliche Isolierschaumproblem, eine wirkliches automatisches Landesystem, wie es die Russen für BURAN ja bereits realisiert haben, und das in den USA nur daran scheitert, dass man aus psychologischen –nicht technischen- Gründen unbedingt den „man in the loop“ beibehalten möchte.

Allerdings ist noch keineswegs ausgemacht, ob nicht "Wegwerfsysteme" überhaupt billiger sind als wiedervewendbare. Also ob nicht ein auf Ariane 5 fussendes Transportsystem eher eine Zukunft hat als ein auf dem Shuttle beruhendes.

Kommentare
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Grax schreibt (18.3.2010):

der gerade geschriebenen Kommentar ist nicht zu sehen, weil da ein "Werbefenster" drüber geblendet wird.  

Grax schreibt (18.3.2010):

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