29.Tage der Raumfahrt in Neubrandenburg-Resumée

Bereits zum 29. mal fanden dieses Jahr die Raumfahrttage in Neubrandenburg statt. Vom 8. bis zum 10. November trafen sich wieder Raumfahrtexperten und -Begeisterte. Besonders hervorzuheben ist die während der Neubrandenburge Raumfahrttage vorherrschende familiäre Atmosphäre

So wurde man auf die Raumfahrttage eingestimmt mit einer Darbietung des renommierten Chors des Einstein-Gymnasiums, dem Veranstaltungsort des ersten Tages.

Die Neubrandenburger Raumfahrttage wurden schon zu DDR Zeiten ins Leben gerufen und sind heute die bedeutenste deutsche Raumfahrtveranstaltung.

So eine Neugründung wie die Raumfahrttage war zu DDR-Zeiten keineswegs selbstverständlich und einfach, wie Dr. Reinhard Buthmann in seinem Vortrag „Die Jugendaktivitäten in der DDR-Raumfahrt“ eindrucksvoll darstellte anhand der Geschichte der Jugendgruppe KOSMOS, die 1971 gegründet wurde und schnell 150 Mitglieder zählte, die über die ganze DDR verteilt waren. Das erklärte und geförderte Interesse der DDR an der Raumfahrt konzentrierte sich nämlich im Wesentlichen auf die Darstellung und Verherrlichung der sowjetischen Raumfahrt und deren Darstellung im Rahmen der „offiziellen“ Organisationen wie der „Gesellschaft für Sport und Technik“. Unabhängige Vereinigungen von jugendlichen Raumfahrtenthusiasten wurden nicht gern gesehen, unterlagen strenger Kontrolle und wurden sogar verfolgt und verboten, wenn deren Aktivitäten nicht in das  offizielle Bild passten. Das war aber in der Regel der Fall, da das Interesse in der Jugend nach Apollo insbesonders an der US Raumfahrt sehr groß war und die NASA im Allgemeinen bereitwillig auf Anfrage hin Material und Informationen zur Verfügung stellte. Solche Kontakte wurden in Einzelfällen in der DDR bis hin zu Spionagevorwürfen aufgebläht, die für den Betroffenen sogar lebensbedrohlich werden konnten.

Die KOMOS Gruppe sollte 1975 auf Beschluss „höchster Stellen“ aufgelöst werden,das konnte aber aufgrund der Intervention renommierter Wissenschaftler der DDR nicht durchgesetzt werden.

Es war eindrucksvoll zu erfahren in welchem Maß es, entgegen staatlichen Widerstand und häufig auch Obstruktion bis hin zu Verleumdungen, „private“ Raumfahrtaktivitäten in der DDR gab.

Eindrucksvoll war auch (für den Autor dieses Artikels als „Wessi“), dass das Interesse an der Raumfahrt in der Jugend der DDR offensichtlich sehr groß war und noch ist, was auch dadurch zu erklären ist, dass in der DDR -im Gegensatz zur BRD- keine Technikfeindlichkeit verbreitet wurde wie in der BRD im Nachgang der 68’er Ereignisse, und in der Schule Astronomie unterrichtet und viel Wert auf den Unterricht in Mathematik und Physik gelegt wurde.

Da hatte ein neu gegründeter Verein, der sich mit Raumfahrt befasste,  schnell Hunderte von Mitgliedern, und das trotz der in der DDR eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten.

Traditionell sind bei den Raumfahrttagen seit der Wende jeweils mindestens ein Astronaut „aus dem Westen“ und ein Kosmonaut „aus dem Osten“ eingeladen, die nicht nur Interessantes aus ihrer Astronauten- bzw. Kosmonautenzeit zu berichten haben, sondern auch sozusagen „zum Anfassen“ da sind während gemeinsamer Veranstaltungen und Autogrammstunden.

Diesmal waren in Neubrandenburg der amerikanische Shuttel/Spacelab Astronaut Loedewijk van den Berg und der vietnamesische Kosmonaut Pham Tuan eingeladen. Der Autor dieser Zeilen, der intensiv in das Spacelab Programm eingebunden war, hatte Gelegenheit, beide Astronauten während eines ganztägigen Ausflugs nach Peenemünde in einer kleinen Gruppe näher kennenzulernen und dabei interessante Gespräche mit dem US Astronauten zu führen, der als Nutzlast-Spezialist im Spacelab 1983 wissenschaftlich gearbeitet hatte.

Der Kosmonaut Pham Tuan bekleidet inzwischen eine hohe Position in der vietnamesischen Luftfahrt. Interessant war es zu erfahren, dass Vietnam sich in der Luft- und Raumfahrt weder an Russland noch an China bindet.

Bemerkenswert an dem Besuch in Peenemünde war, in welchem Maß die beiden Astro/Kosmonauten von Peenemünde als dem in ihren Augen „Geburtsort der Raumfahrt“ beeindruckt waren, während in Deutschland Peenemünde am liebsten ganz totgeschwiegen wird und deshalb inzwischen wieder weitgehend „von der Natur übernommen wurde“. Das Museum zeigt jedoch, wie das Entwicklungszentrum damals aussah.

In Deutschland wiegen heute die negativen Aspekte (Angriffswaffe V2, Zwangsarbeit) stärker als der historische Aspekt des Beginns der Raumfahrt. Peenemünde war übrigens ein reines Entwicklungszentrum, von dort gingen nie Angriffe aus. Insgesamt wurden 294 Versuchsflüge (!) der A4 Richtung Ostsee gezählt! Die Entwicklung von Raketen war Neuland und verlief häufig nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“.

Über weitere interessante Vorträge während der 29. Raumfahrttage werden wir separat berichten.

 

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